Buchtipp: William Gibson, Peripherie

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Diese Zeichnung von William Gibson stammt von Wesley Merritt und findet sich hier.

„Verschwörungstheorien müssen simpel sein. Um Sinn geht’s da nicht. Die Leute haben mehr Angst davor, wie kompliziert die Dinge in Wirklichkeit sind, als vor dem, was angeblich hinter der Verschwörung steckt.“

Janice in Peripherie, Stuttgart 2016, Klett-Cotta Tropen 2016, Seite 422

„Das Kleid, das Ash ausgesucht hatte … war ein kleines Schwarzes, das sich wie Samt anfühlte, aber wie seidenweiches Karbid-Schleifpapier aussah. Ihr Schmuck bestand in einem Armreif aus antiken Plastikgebissen und etwas Lakritzähnlichem …“

Seite 558

9783608501247-jpg-29971Die (nicht ganz einfach zu lesenden) Bücher von dem US-amerikanischen Autor William Gibson erwarte ich immer mit großer Ungeduld. Er übersetzt die Technologie von heute in eine messerscharfe Welt von Morgen. Den Pokemon-Hype, der dieses Jahre so viele nach draußen zog, hat er zum Beispiel in einer viel edleren Variante schon in seinem Buch „Quellcode“ von 2007 beschrieben.

Gibsons neues Buch „Peripherie“ spielt in gleich zwei Zukunftswelten: in einer, die kurz nach unserer Gegenwart liegt und nach einer großen weltweiten Katastrophe ziemlich runtergerockt ist (dieses Szenario rückt augenblicklich näher). Und in einer zweiten, späteren (auch nicht grad schönen) Zukunft, in der man sich über einen geheimen Server aus der ersten Zukunft per Avatar aufhalten kann. Das Buch ist mir zu lang. Aber weitsichtig wie immer und relevanter denn je.

Katja Kettu, Wildauge

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Interior Design eines lappländischen Hauses. Das Photo ist von hier. Hier die Homepage der Fotografin.

„Das Meer schaukelt in seinem Ebbeschlick wie eine leuchtend türkisfarbene Masse, und die Sonne brennt mir auf den Rücken, aber an den Schattenstellen kriecht mir die Kühle in den Leib. Wildauge wandert durch die Landschaft wie ein Tier. Ihr Gang hat wieder das gewisse Etwas aus der Nibelungensage. Diese Frau spinnt den Schicksalsfaden des Menschen. Früher dachte ich, sie sei Urdr, die Vergangenheit. Jetzt vermute ich allmählich, dass sie Verlandi ist, die Gegenwart.“

Wildauge, Köln 2015, S. 262

9783548286167_coverIm Roman „Wildauge“ von der Finnin Katja Kettu (geb. 1978) geht es um die Besatzung durch die Deutschen 1944 in Lappland. Hauptfiguren sind die einheimische Hebamme Wildauge und der deutsche Offizier Angelhurst, die einander verfallen. Hauptschauplatz ist ein Kriegsgefangenenlager.

Die Geschichte und vor allem die Sprache hat eine Wucht, die einen fast umhaut. Sie ist deftig, grob, roh, körperlich, altertümlich, elementar, mythologisch. Sie ist auch voller Pathos. In ihr wird der Krieg auf die zwischenmenschliche Ebene gehoben, auf die er gehört. Lang nicht mehr so etwas gelesen. Relevant.

Buchtipp: Terry Pratchett, Ein Hut voller Sterne

 

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Britisches Haardesign, eine Farbkollektion für 2017: das Foto fand ich im Hairdressers Journal Interactive, hier.

“Kind, du bist hierher gekommen, um herauszufinden, was wahr ist und was nicht, aber von mir kannst du nur wenig erfahren, das du noch nicht weißt. Du weißt nur nicht, dass du es weißt, und du wirst den Rest deines Lebens damit verbringen zu lernen, was bereits in deinen Knochen steckt. Und das ist die Wahrheit.“

Terry Pratchett, Ein Hut voller Sterne, München 2004, S. 339

Ein Hut voller Sterne von Terry Pratchett

Über den Hexenromanen des leider verstorbenen englischen Fantasyautors Terry Pratchett schwebt ein heller, freundlicher Geist. Selbst der uralte Schwarm, der die junge Hexe Tiffany Weh jagt, wird am Ende von “Ein Hut voller Sterne” geheilt. Diesen Autor zu lesen, ist wie eine Wohlfühldroge zu nehmen. Man kommt in einen herrlich schwebenen Zustand.

Terry Pratchett hat mehrere lustige und zugleich kluge Romane über Hexe Tiffany geschrieben, die man sehr gut unabhängig von seinen anderen Scheibenwelt-Geschichten lesen kann. Die Reihenfolge: Kleine freie Männer, Ein Hut voller Sterne (hier bin ich eingestiegen), Der Winterschmied (auch gut), Das Mitternachtskleid, Die Krone des Schäfers.

Lesetipp: Lily King, Euphoria

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Das Foto ist von hier.

9783406682032_large“Meine neue Freundin Malun hat mich heute in ein Frauenhaus mitgenommen, wo die Frauen webten und Netze flickten (…). Ich nehme ihren abgehackten Sprechrhythmus in mich auf, den Klang ihres Lachens, ihre Kopfhaltung. Ich erfasse die Sympathien und Antipathien im Raum auf eine Weise, wie es über die Sprache nie könnte. Im Grunde behindert die Sprache die Kommunikation, merke ich immer wieder, sie steht im Weg wie ein zu dominanter Sinn. Man achtet viel stärker auf alles Übrige, wenn man keine Worte versteht. Sobald das Verstehen einsetzt, fällt so viel anderes weg. Man beginnt sich ganz auf die Worte zu verlassen, aber Worte sind eben nur bedingt verlässlich.“

Euphoria, C.H. Beck, München 2015, S. 82 f.

Was für ein Leben! Lily Kings Roman “Euphoria” über eine ca. 30-jährige Ethnologin, die in Neuguinea ein (erfundenes) Urvolk am (realen) Fluss Sepik erforscht, ist der Biographie von Margaret Mead nachempfunden.

Neben der Ethnologin selbst stehen einige ihrer frühen Theorien und ein explosives Dreiecks-Liebesverhältnis im Zentrum des dennoch fiktiven Romans. In den USA wurde das Buch euphorisch besprochen in Deutschland zurückhaltender.

Ich empfehle es! Lily King hat eine schöne transparente Sprache. Durch die Erzählstruktur, in der abwechselnd die Ich-Erzählerin und ihr Geliebter erzählen, bleibt viel Raum für eigene Erkenntnisse. Und für historische und forschungstheoretische Positionen, die man von weit weg in Neuguinea mit anderen Augen sieht.

Lesetipp: Don Winslow, Tage der Toten & Das Kartell

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“Ein besonderes Verhältnis zum Tod”: Das Foto von Rebecca Erken stammt von hier .

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“Diese Farbenfülle, diese Liebe zur Natur, diese Lebenslust ist es, was ihn an der mexikanischen Spielart des Katholizismus so sehr begeistert, die unbekümmerte Vermischung heidnischer Symbolik mit einem innigen, unerschütterlichen Christusglauben … Nein, die Mexikaner besitzen die angeborene Weisheit, die seelische Spannweite – wie soll man sagen – um diese und auch die nächste Welt mit einer einzigen Umarmung zu vereinen.”

Tage der Toten, Suhrkamp 2015, S. 240

Selten so metaphysisch wie in diesem Zitat, sondern meist hart, kalt, drastisch, grausam und mit einem unterirdischen Frauenbild ausgestattet – dennoch empfehle ich die Lektüre von “Tage der Toten” oder “Das Kartell” von Don Winslow auf jeden Fall (das erste Buch ist fast 700 Seiten dick, das zweite über 800 Seiten; mir hat eins gereicht). Schon wegen seiner nüchternen und zugleich fiebrigen Sprache.

Es geht um die Drogenkriege in Mexiko. Darum, wie nah der Tod in Mexiko ist. Darum, dass die institutionellen Kämpfe, die vor unseren Augen ausgetragen werden, nicht diejenigen sind, die wirklich stattfinden. Um Leidenschaft, eine Lebensaufgabe, Gerechtigkeit – und die Gefahr, all das zu verlieren. Der passende Film dazu: Sin nombre.

Kultur- und Lesetipp: “Wetransform” & Tea Mäkipääs Homepage

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Foto oben: “Atlantis”: Von 2007 bis 2014 versenkte Tea Mekipää ortstypische Häuser in den Gewässern europäischer Städte, hier ein Foto aus Rostock. Das Bild stammt von hier.

Im neuen museum in Nürnberg wird zur Zeit die sehenswerte Ausstellung „Wetransform – Grenzen des Wachstums“  (noch bis 19.6., Führungen Samstag und Sonntag) gezeigt. Es gibt viele alte und neue Kunstpositionen zum Thema zu sehen. Man muss allerdings einen freien Kopf in die Ausstellung mitbringen. Die Kunst ist zwar stylisch und materialbewusst, aber unübersichtlich präsentiert. Am besten, man nimmt an einer Führung teil.

Besonders gut zugänglich und originell fand ich die Werke der finnischen Künstlerin Tea Mäkipää. Mein heutiger Lesetipp ist deshalb ihre Hompage, wo viele Projekte von ihr übersichtlich vorgestellt und erklärt werden.

 

 

 

 

 

 

Buchtipp: Ursula K. Le Guin, Erdsee

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Das Foto ist von hier, wo der Animé-Film “Tales from Earthsea” von Goro Miyazak vorgestellt wird. Er ist, wie die US-amerikanische Verfilmung aus dem Jahr 2004, ist sehr umstritten.

csm_produkt-8702_77c5f4b835Die US-amerikanische Science-Fiction- und Fantasy-Autorin Ursula K. Le Guin steht schon seit Anfang der 1990er auf meiner Leseliste. Jetzt ist mir endlich ihre Erdsee-Trilogie (1960 bis 1972) begegnet, und ich habe sie sehr gern gelesen – obwohl Fantasy nicht meins ist. (Das vierte, 1990 erschienene Buch kenne ich noch nicht).

Vor allem der erste Band, „Der Magier der Erdsee“ hat mich beeindruckt. Eigentlich eine psychologische Studie eines Menschen und seines „Schattens“, aber auf eine sehr zeitlose mythologische Ebene gehoben; wenige, dafür umso eingehender gezeichnete Charaktere; eine langsame poetische Erzählweise.

Viel Landschaft, viel Meer, wenig Interieur:

„Endlich aber merkte er, dass er in einem Bett lag. Allerdings war es ein Bett, das ihm völlig fremd und ungewohnt war. Er lag auf einem Rahmen, der auf vier hohen, ungeschützten Beinen stand. Die seidenen Matratzen waren mit Daunen gefüllt, daher rührte wohl das Gefühl des Schwebens, wohl um den Luftzug abzuhalten … Ged sah einen Raum, dessen Wände und Boden aus Stein waren. Durch drei hohe Fenster sah er das kahle, braune Moor …“

Erdsee, Heyne 1989, S. 143