Buchtipp: Doris Knecht, Wald

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So licht und stylisch wie in den angesagten She Sheds geht es in „Wald“ nicht zu.

„Dieses Geschenk nicht anzunehmen, würde schlechtes Karma bedeuten. Marian wollte kein schlechtes Karma, davon hatte sie schon genug, also nahm sie das Geschenk an, dankte der Gottheit mit einer Verbeugung und schlug dem Huhn mit dem Beil den Kopf ab.“
Hamburg 2016, Seite 178 f

91oAk-YRmELDoris Knechts „Wald“ zeigt einmal mehr, dass meist nicht das Was, sondern das Wie des Erzählens entscheidend ist. Noch eine Geschichte über eine zarte Luxus-Seele oder eine Lifestyle-Frau, die plötzlich mit der Realität der Geldlosigkeit und der Provinzialität konfrontiert wird, hätte nicht unbedingt sein müssen.

Die Art, wie Doris Knecht die Heldin vor sich hin hirnen und in Schleifen ihren Niedergang rekapitulieren lässt, fand ich sehr gekonnt. So ungefähr sieht er aus, der Bewusstseinsstrom dieser Zeit und dieser Generation der Fiftysomethings. Ein Buch wie eine gute – und dann eben doch recht patente – Freundin. Du bist nicht allein.

Leseprobe

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Michael Köhlmeier, Das Mädchen mit dem Fingerhut

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Aus dem Buch „Shelter“ von der Künstlerin Moki.

„Ein bisschen war ihnen übel. Sie hätten sich gern nebeneinander gesetzt und die Beine von sich gestreckt. Dazu aber war zu wenig Platz. So aßen sie einander gegenüber, die Beine angezogen. Sie atmeten vorsichtig und bewegten sich nicht. Sie fürchteten, sich zu übergeben.“

Michael Köhlmeier, Das Mädchen mit dem Fingerhut, München 2016, Seite 88

Köhlmeier_25055_MR2.inddDer kurze Roman Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier über ein kleines obdachloses Mädchen ist herzzerreißend. Die Tatsache, dass es im Stil eines Märchens geschrieben ist, macht es nicht erträglicher, ganz im Gegenteil. Dadurch wird einem bewusst, dass es sich um ein zeitloses Thema handelt, um eine Realität, die es jetzt in diesem Moment überall auf der Welt gibt.

Beklemmend ist es auch, dass das Mädchen sich von zwei Jungen zum Ausreißen aus einem Waisenhaus (wo es ihr eigentlich gut geht) anstiften lässt. Den Jungen traut sie mehr als den Erwachsenen. Man muss etwas tun.

Buchtipp: Klaus Modick, Konzert ohne Dichter

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Das Gemälde „Sommerabend“ (1905; Foto von hier) von Heinrich Vogeler, auf dem Rilke fehlt.

„Er hat dieses Buch ausgeschmückt (…) – ein Formenreichtum, der nach Farben schreit, nach giftigen, süßen, einschmeichelnden aufreizenden Farben. Im Aufbau sind die Blätter zwar organisch, doch der Rhythmus der Flächen formt eine geschlossene, exklusive Welt. Nirgends öffnet sich ein Horizont, nirgends ein Durchblick, nirgends eine neue Perspektive. Nirgends Freiheit. Ein schöner Vorhang, der die Wirklichkeit verbirgt, eine Mauer, die das Leben ausschließt.“

Klaus Modick, Konzert ohne Dichter, Köln 2015/16, S. 155

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Und jetzt, anlässlich der vergangenen Kölner Möbelmesse, etwas zum Thema Design und Gestaltung.

Wie ein lauschiger Lese-Spaziergang mutet Klaus Modicks „Konzert ohne Dichter“ (spielt im Juni 1905) über die Beziehung des Gestalters und Künstlers Heinrich Vogeler und des (in diesem Buch als ziemlich fordernd und unsympathisch charakterisierten) Dichters Rainer Maria Rilke an.

In dieser fiktiven Biographie liest man aber auch das Psychogramm eines erfolgreichen Gestalters, der in der Gebrauchskunst zu ersticken droht. Ein paar Jahre später bricht er dann ja auch politisch aus.

Und hier noch eine Sofa-Dreingabe frisch von der Möbelmesse, die zum üppig-sinnlichen Lifestyle von anno dazumal passt: “Cover” von Ligne Roset (Design: Marie-Christine Dorner).cover_1_01

Buchtipp: Shan Sa, Himmelstänzerin

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Tianammen Square Peking 2015

„Wie soll ich Ihnen das erklären? Ich sehe auf die Sonne, ich rieche die Düfte, ich höre auf den Wind, ich beobachte die Blätter, die Zweige, die Formen, die Anordnungen, die Farben … ich erkenne alles sehr gut wieder. Seltsam, dass die Landschaft völlig anders ist, das ist doch nicht zu glauben!“

Ein Bergjäger in Shan Sa, Himmelstänzerin, München 2006, Piper, Seite 41

41jmbpdda2l-_sx274_bo1204203200_Der gut 150-seitige Roman „Himmelstänzerin“ von Shan Sa spielt unmittelbar nach der Niederschlagung der studentischen Proteste auf dem Tianammen Square in Peking im Juni 1989. Eine Anführerin des Protests wird von mutigen Menschen in die Berge gebracht, ein Soldat muss sie suchen.

Ein wunderschönes Buch, in dem nichts Überflüssiges erzählt wird und die Poesie die Politik transzendiert. In die historischen Fakten ist eine  magische Geschichte eingewebt, so dass man durchaus von einer Art Magischem Realismus sprechen kann. Die Klarheit und Schlichtheit, mit der das geschieht, erinnert mich an Haruki Murakami. Das Buch ist nur noch gebraucht erhältlich.

Buchtipp: William Gibson, Peripherie

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Diese Zeichnung von William Gibson stammt von Wesley Merritt und findet sich hier.

„Verschwörungstheorien müssen simpel sein. Um Sinn geht’s da nicht. Die Leute haben mehr Angst davor, wie kompliziert die Dinge in Wirklichkeit sind, als vor dem, was angeblich hinter der Verschwörung steckt.“

Janice in Peripherie, Stuttgart 2016, Klett-Cotta Tropen 2016, Seite 422

„Das Kleid, das Ash ausgesucht hatte … war ein kleines Schwarzes, das sich wie Samt anfühlte, aber wie seidenweiches Karbid-Schleifpapier aussah. Ihr Schmuck bestand in einem Armreif aus antiken Plastikgebissen und etwas Lakritzähnlichem …“

Seite 558

9783608501247-jpg-29971Die (nicht ganz einfach zu lesenden) Bücher von dem US-amerikanischen Autor William Gibson erwarte ich immer mit großer Ungeduld. Er übersetzt die Technologie von heute in eine messerscharfe Welt von Morgen. Den Pokemon-Hype, der dieses Jahre so viele nach draußen zog, hat er zum Beispiel in einer viel edleren Variante schon in seinem Buch „Quellcode“ von 2007 beschrieben.

Gibsons neues Buch „Peripherie“ spielt in gleich zwei Zukunftswelten: in einer, die kurz nach unserer Gegenwart liegt und nach einer großen weltweiten Katastrophe ziemlich runtergerockt ist (dieses Szenario rückt augenblicklich näher). Und in einer zweiten, späteren (auch nicht grad schönen) Zukunft, in der man sich über einen geheimen Server aus der ersten Zukunft per Avatar aufhalten kann. Das Buch ist mir zu lang. Aber weitsichtig wie immer und relevanter denn je.

Katja Kettu, Wildauge

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Interior Design eines lappländischen Hauses. Das Photo ist von hier. Hier die Homepage der Fotografin.

„Das Meer schaukelt in seinem Ebbeschlick wie eine leuchtend türkisfarbene Masse, und die Sonne brennt mir auf den Rücken, aber an den Schattenstellen kriecht mir die Kühle in den Leib. Wildauge wandert durch die Landschaft wie ein Tier. Ihr Gang hat wieder das gewisse Etwas aus der Nibelungensage. Diese Frau spinnt den Schicksalsfaden des Menschen. Früher dachte ich, sie sei Urdr, die Vergangenheit. Jetzt vermute ich allmählich, dass sie Verlandi ist, die Gegenwart.“

Wildauge, Köln 2015, S. 262

9783548286167_coverIm Roman „Wildauge“ von der Finnin Katja Kettu (geb. 1978) geht es um die Besatzung durch die Deutschen 1944 in Lappland. Hauptfiguren sind die einheimische Hebamme Wildauge und der deutsche Offizier Angelhurst, die einander verfallen. Hauptschauplatz ist ein Kriegsgefangenenlager.

Die Geschichte und vor allem die Sprache hat eine Wucht, die einen fast umhaut. Sie ist deftig, grob, roh, körperlich, altertümlich, elementar, mythologisch. Sie ist auch voller Pathos. In ihr wird der Krieg auf die zwischenmenschliche Ebene gehoben, auf die er gehört. Lang nicht mehr so etwas gelesen. Relevant.

Buchtipp: Terry Pratchett, Ein Hut voller Sterne

 

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Britisches Haardesign, eine Farbkollektion für 2017: das Foto fand ich im Hairdressers Journal Interactive, hier.

“Kind, du bist hierher gekommen, um herauszufinden, was wahr ist und was nicht, aber von mir kannst du nur wenig erfahren, das du noch nicht weißt. Du weißt nur nicht, dass du es weißt, und du wirst den Rest deines Lebens damit verbringen zu lernen, was bereits in deinen Knochen steckt. Und das ist die Wahrheit.“

Terry Pratchett, Ein Hut voller Sterne, München 2004, S. 339

Ein Hut voller Sterne von Terry Pratchett

Über den Hexenromanen des leider verstorbenen englischen Fantasyautors Terry Pratchett schwebt ein heller, freundlicher Geist. Selbst der uralte Schwarm, der die junge Hexe Tiffany Weh jagt, wird am Ende von “Ein Hut voller Sterne” geheilt. Diesen Autor zu lesen, ist wie eine Wohlfühldroge zu nehmen. Man kommt in einen herrlich schwebenen Zustand.

Terry Pratchett hat mehrere lustige und zugleich kluge Romane über Hexe Tiffany geschrieben, die man sehr gut unabhängig von seinen anderen Scheibenwelt-Geschichten lesen kann. Die Reihenfolge: Kleine freie Männer, Ein Hut voller Sterne (hier bin ich eingestiegen), Der Winterschmied (auch gut), Das Mitternachtskleid, Die Krone des Schäfers.