Buchtipp für den Leseurlaub: Olga Grjasnowa, Gott ist nicht schüchtern

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Das antike Haus des Sankt Ananias im alten Christenviertel von Damaskus, das Foto ist von hier.

„Die Stadt ist inzwischen komplett zerstört: Der Asphalt ist verschwunden, genau wie die Einwohner. […] Zum ersten Mal wird ihm [Hammoudi in deir az-Zour] bewusst, aus wie vielen Tonnen Stein eine Stadt besteht. Die Wände zwischen den Häusern sind herausgeschlagen, damit die Einwohner nicht auf die Straße gehen müssen, sondern sich von Haus zu Haus bewegen können. […] Hammoudi wird von einem Kämpfer angehalten. […] Der Kämpfer trägt dem Jungen auf, Hammoudi zu  begleiten. Hammoudi sagt: „Ich bin hier geboren, ich kenne mich aus.“ Der Junge grinst. „Überall sind Scharfschützen. Du wirst alleine nicht weit kommen.“

Aufbau Verlag, Berlin, 2017/2, S. 187 f

„Das Boot wird mit fünfzig Menschen beladen, obwohl es eigentlich für acht konstruiert worden war.  […] Der Schmuggler zeigt sich unbeeindruckt und hebt mit nachsichtiger Überlegenheit sein Schnellfeuergewehr HK33, deutsches Fabrikat, Heckler & Koch.“

S.260 f

Gottist nicht„Gott ist nicht schüchtern“ von Olga Grjasnowa ist nichts für Leute, die im Urlaub Beschaulichkeit suchen. Eher für solche, die die Zeit nutzen möchten, sich politisch auf einen besseren Stand zu bringen.

In dem Roman werden die Wege eines jungen Syrers (Hammoudi) und einer jungen Syrerin (Amal) vom Frieden in den Krieg und die Flucht nachgezeichnet. Mich hat das Buch vor allem deshalb interessiert, weil Olga Grjasnowas Ehemann aus Syrien stammt und sie die (zerstörte) Lebenswelt von dort sicher gut kennt.

Das Buch ist, finde ich, erstklassig geschrieben –  kurz, in einem guten Tempo, sinnlich, unerschütterlich, nie sentimental.

Das luxuriöse Leben der weiblichen Protagonistin Amal hätte meines Erachtens allerdings nicht gar so ausgeschmückt werden müssen – vor allem deshalb nicht, weil Amal die ideale Identifikationsfigur hätte sein können, anhand der man den Verlust der Selbstverständlichkeit nacherlebt. Schön hätte ich es außerdem gefunden, wenn man die verschiedenen Kriegsparteien in Syrien mit dieser Lektüre klargekriegt hätte. Das muss man sich dann aber doch selbst ergoogeln.

Ansonsten sehr berührend, wichtig, erhellend, empfehlenswert.

 

Buchtipp für den Lese-Urlaub: Gail Tsukiyama, Der Garten des Samurai

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Eine Komposition aus dem alten japanischen Garten Ryoan-ji (15. Jahrhundert), Foto und Erklärungen dazu hier.

„Es kam mir vor wie ein Traum, dass wir monatelang gearbeitet hatten und dass sich der vollendete Garten nun vor uns ausbreitete. In diesem Augenblick erwachte er zum Leben. Auf einmal hörte ich das Wasser fließen und sah, wie sich der Strom der Steine sanft kräuselte. Doch vor allem genoss ich die Vorstellung, dass seine Schönheit etwas war, das mir keine Krankheit, kein Mensch nehmen konnte.“

Lübbe, Bergisch-Gladbach, 200/2, S. 223

51KQAQ5C4WL._SX334_BO1,204,203,200_Der Garten des Samurai von Gail Tsukiyama ist das Richtige, wenn man sich selbst in ein ruhigeres Tempo bringen möchte und geistige Klarheit ohne allzuviel Metaphysik sucht.

Der Tagebuch-Roman handelt von einem jungen, tuberkulosekranken Chinesen, der von Herbst 1937 bis Herbst 1938 in dem Strandhaus seines Vaters in Japan Erholung sucht und von dem stillen Matsu versorgt wird.

Nur am Rande bekommt man mit, dass die Japaner gerade in China Krieg führen und schreckliche Massaker begehen (drastisch beschrieben in Mo Hayders fast unerträglichem Thriller “Tokio“) In der Nähe des Strandhauses ist eine Kolonie verstoßener Leprakranker, und dort lebt Sachi, die trotz ihrer Narben nichts an Schönheit eingebüßt hat.

In dem Buch spielen unter anderem zwei japanische Gärten, der komplizierte Ehrbegriff des traditionellen Japans, zwei Dreiecksbeziehungen und der Verlust von Schönheit und Sicherheit eine Rolle. Wie die Gärten selbst werden diese  Themen auf scheinbar einfache Art mehrfach gespiegelt, kontrastiert, entfaltet, symbolisiert.

Mir gefällt es besonders, wie die Erzählerin verschiedene Konzepte von innerer und äußerer Schönheit verhandelt. Sie hat mich tatsächlich dazu gebracht, menschliche Gesichter neu zu sehen. Für die Langsamkeit und Behutsamkeit dieses Buches braucht man aber schon auch Geduld.

Das Buch kam übrigens per Bookcrossing zu mir, ich fand es in einem öffentlichen Buchregal.

Buchtipp: Favel Parrett, Jenseits der Untiefen

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Ende letzten Jahres hat Favel Parrett ihren Arbeitstisch für ein neues Buchprojekt knallpink gestrichen. Das Foto ist von hier.

„Miles und Harry waren so lange wie möglich draußen geblieben, bis weit nach Mitternacht, sie waren so lange draußen geblieben, bis sie durchgefroren waren, weil Jeff und Dad seit zwei Tagen tranken. Jetzt waren sie zurück in ihrem Zimmer, und Harry musste dringend aufs Klo. „Kletter einfach durchs Fenster“, flüsterte Miles. „Ich kann nicht.“ … „Aber dann musst du durchs Wohnzimmer.““

München/Berlin 2015, Seite 128

produkt-10481Wieder ein Buch, das uns daran erinnert, dass wir die Kinder in unserer Umgebung im Blick haben sollten. Direkt, poetisch, kurz, packend: „Jenseits der Untiefen“ von der tasmanischen Autorin Favel Parrett über drei Jungen, die allein mit ihrem trinkenden Vater leben müssen.

Es gibt mehrere nahezu unerträglichen Stellen im Buch, der Anfang von einer davon steht oben im Zitat. Eine Geschichte, die einem bleibt.

Es gibt aber auch ergreifend schöne wilde Szenen, vor allem, wenn die Jungen surfen gehen.

Buchtipp: Cixin Liu, Die drei Sonnen

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Es gibt bereits einen chinesischen Film zu Three-Body. Hier einer der Haupt-Charaktere, Wang Miao, in seinem (trotz Mac und Datenbrille) Old School-Arbeitszimmer. Das Photo stammt von hier.

„Das All war für mich ein Palast, und der Mensch die einzige kleine Ameise in diesem riesigen Gebäude. Das führte dazu, dass ich das Leben sehr widersprüchlich betrachtete. Einerseits empfand ich es als unendlich kostbar, und ich nahm alles so wichtig. Dann wieder dachte ich, dass der Mensch so winzig und alles völlig bedeutungslos war.“

Professorin Ye Wenjie in „Die drei Sonnen“, München 2017/2, Seite 249.

Die drei Sonnen von Cixin Liu

Mit dem Science Fiction-Roman „Die drei Sonnen“ (in China bereits 2007 erschienen, auf deutsch 2016), dockt der Schriftsteller Cixin Liu an viele Themen an: an chinesische Geschichte und Politik, an das mathematische Dreikörperproblem, an die Existenz außerirdischer Lebensformen, an innere Heimatlosigkeit, an den Kampf zwischen unversehrten und versehrten Zivilisationen etc.

Ich empfand das Buch als sehr anregend, wenn auch nicht ganz so spektakulär wie z. B im „Spiegel“ gepriesen (Obama und Zuckerberg sollen z. B. totale Fans sein). Interessant fand ich die Sichtweise auf unseren Planeten als Paradies, weil wir Erd-Menschen durch konstante Planetenkonstellationen, Jahreszyklen und Wetterphänomene eigentlich so unheimlich sicher sein könnten. Und es dann fast überall auf der Welt eben doch nicht sind. Eine alternative Lesart des chaotischen Planeten als instabile Seelenlandschaft ist ebenfalls möglich – und ebenso überraschend wie die Innensicht in die (erstaunlich komplexen) Figuren in dieser Science Fiction.

Leseprobe

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Die junge Wissenschaftlerin Ye Wenjie ist vor allem zu Beginn des Romans handlungstragend.

Buchtipp: Doris Knecht, Wald

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So licht und stylisch wie in den angesagten She Sheds geht es in „Wald“ nicht zu.

„Dieses Geschenk nicht anzunehmen, würde schlechtes Karma bedeuten. Marian wollte kein schlechtes Karma, davon hatte sie schon genug, also nahm sie das Geschenk an, dankte der Gottheit mit einer Verbeugung und schlug dem Huhn mit dem Beil den Kopf ab.“
Hamburg 2016, Seite 178 f

91oAk-YRmELDoris Knechts „Wald“ zeigt einmal mehr, dass meist nicht das Was, sondern das Wie des Erzählens entscheidend ist. Noch eine Geschichte über eine zarte Luxus-Seele oder eine Lifestyle-Frau, die plötzlich mit der Realität der Geldlosigkeit und der Provinzialität konfrontiert wird, hätte nicht unbedingt sein müssen.

Die Art, wie Doris Knecht die Heldin vor sich hin hirnen und in Schleifen ihren Niedergang rekapitulieren lässt, fand ich sehr gekonnt. So ungefähr sieht er aus, der Bewusstseinsstrom dieser Zeit und dieser Generation der Fiftysomethings. Ein Buch wie eine gute – und dann eben doch recht patente – Freundin. Du bist nicht allein.

Leseprobe

Michael Köhlmeier, Das Mädchen mit dem Fingerhut

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Aus dem Buch „Shelter“ von der Künstlerin Moki.

„Ein bisschen war ihnen übel. Sie hätten sich gern nebeneinander gesetzt und die Beine von sich gestreckt. Dazu aber war zu wenig Platz. So aßen sie einander gegenüber, die Beine angezogen. Sie atmeten vorsichtig und bewegten sich nicht. Sie fürchteten, sich zu übergeben.“

Michael Köhlmeier, Das Mädchen mit dem Fingerhut, München 2016, Seite 88

Köhlmeier_25055_MR2.inddDer kurze Roman Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier über ein kleines obdachloses Mädchen ist herzzerreißend. Die Tatsache, dass es im Stil eines Märchens geschrieben ist, macht es nicht erträglicher, ganz im Gegenteil. Dadurch wird einem bewusst, dass es sich um ein zeitloses Thema handelt, um eine Realität, die es jetzt in diesem Moment überall auf der Welt gibt.

Beklemmend ist es auch, dass das Mädchen sich von zwei Jungen zum Ausreißen aus einem Waisenhaus (wo es ihr eigentlich gut geht) anstiften lässt. Den Jungen traut sie mehr als den Erwachsenen. Man muss etwas tun.

Lesetipp: hey woman!

Mode&Stil DEMO-Initiatorin Mareike Nieberding (rechts), das Foto ist von ihrer Homepage.

Kürzlich bin ich auf das Online-Magazin hey woman! gestoßen, dessen Lifestyle-Rubrik ich spannend finde.

Mich hat besonders dieses Interview interessiert: Die junge Journalistin und Autorin Mareike Nieberding hat nach der Trump-Wahl (augenzwinkernd und spontan) eine „Jugendbewegung“ gegründet. Sie will ihre Altersgenossen und -genossinnen zusammen mit Anderen dazu bewegen, wählen zu gehen und für die Demokratie einzutreten. Das Projekt heißt DEMO. Hier der Link zum Facebook-Portal von Demo, über das die Aktion läuft.